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Betende. Dnepropetrowsk Synagoge.

 

Die Fotografieserie „Betende. Dnepropetrowsk Synagoge“ ist der verschwindenden Generation der osteuropäischen Juden gewidmet, Juden der „Tscherty Osedlosti“ (die zum dauerhaftem Aufenthalt der Juden gekennzeichneten Territorien), Juden, die den Nationalsozialismus, Stalinismus und die Sozialistische Stagnation überlebt haben. Diese Serie ist auch deren  Erwartungen gewidmet, die endlich erfüllt wurden, als gerade nur noch zehn Menschen zum Gebet erschienen... Da tauchten Rabbiner aus Amerika auf und Kinder die, den Komsomol und die Pionier-Organisation kaum kannten, ohne Furcht zum Gebet in die Synagoge kamen...

 

Diese Serie ist ein Versuch, einen Einblick in die Seelen der Menschen zu ermöglichen, die in ihren Genen die Erinnerung an Furcht vor den Feuern der Inquisition und den Pogromen tragen, Erinnerung an Steine und Spucke im Gesicht. Menschen, die mit dem Ruf als Fremde und Verbrecher leben mussten, mit dem  immerwährenden Warten, wieder vertrieben zu werden... Ein Versuch, in die Seelen der Menschen zu blicken, die Konzentrationslager, Massenerschießungen, den „Kampf gegen den Kosmopolitismus“ und die „israelische Aggression“ überlebt haben... Menschen, die am eigenen Leibe erfahren haben, was ein gelber Stern am Kleid und der fünfte Punkt im Pass bedeuten und dabei immer noch Kräfte und Mut fanden, sich der Grundursache zu stellen – dass sie Juden sind.

 

Doch viel mehr sind diese Fotografien auch ein Versuch des visuellen Begreifens des Phänomens des täglichen jüdischen Gebetes. Es ist ein Versuch, herauszufinden, was in einem Menschen vorgeht, während er mit Gott spricht. Der Betende wirkt, mit dem Gebetsbuch und der Tora verschmolzen. Dieses Zusammenwirken hat einen  spirituellen Charakter. Bis auf den feierlichen Moment des Heraustragens der Tora, gibt es keine Äußeren, „visuellen“, ritualisierten Handlungsabläufe. Menschen, die jeden Tag zum Gebet kommen, führen die inzwischen zur Gewohnheit gewordenen Bewegungen aus, lesen Texte, die ihren tieferen Sinn nur bei besonderer Behandlung preisgeben. Zur Offenbarung kann dieser Text nicht für jeden Betenden und nicht immer werden. Der Fotograf begegnet einem sehr zurückhaltenden Menschenschlag. Das einzige Objekt, das der Fotograf untersucht, ist der lesende Mensch oder der Mensch, der sich auf ein Gebet vorbereitet, der seinen Platz nur verlässt um die Tora zu berühren.

Der Fotograf muss in dieser Situation selbst zum Teil des Geschehens werden, er muss sich in der Umgebung auflösen, in den Bewegungsabläufen, die einen esoterischmeditativen Charakter haben. Die Grenze zwischen dem Objekt und dem Subjekt muss genauso verschwinden, wie die Grenze zwischen dem Beobachter und den Beobachteten. Der Fotograf wird aus einen fremden Objekt, der einen eigenen - und das bedeutet einen für den Gottesdienst fremden - Sinn hat, zu einem Attribut, welches das Gebet begleitet, ohne eigene Bedeutung zu haben.

 

Die Aufnahmen fanden zwei mal die Woche ein halbes Jahr lang statt. Das war ein Einleben in die Situation, das die Grenzen langsam aufgehoben hat. Der Fotograf hat während dieser Arbeit das wichtigste erreicht: Er hörte auf, ein Fremder zu sein. Er wurde unsichtbar und konnte dadurch etwas höchst heiliges erleben: Den Dialog zwischen Mensch und Gott.

Diese Fotografien können nicht auf die Frage „Was ist Judentum?“ antworten.

In diesen Fotografien wird nur manchmal gefragt: „Wer ist eigentlich der Mensch?“

 
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